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9. September 2020


Last roses of summer


6. September 2020

Agnes Morgenthaler "Die Patronin" (List)

"Das ist nichts für mich", erklärt Edda ihrem Vater, als der ihr vorschlägt, in Winterthur ein Geschäft zu eröffnen; so, wie es der Schuhmacher einst selbst gemacht hat. Aber Edda hat andere Pläne. Sie will nach Zürich und in der Gastronomie arbeiten - immer mit dem Ziel vor Augen, eines Tages ihr eigenes Restaurant zu eröffnen. Denn Edda kann sich nichts Schöneres vorstellen, "als andere Menschen mit gutem Essen glücklich zu machen". Ihrem Traum ordnet sie alles andere unter. Sogar ihren Sohn Oskar, den sie in die Obhut ihrer Vermieterin gibt und selten sieht. Damit ist Edda vielleicht nicht die typische Sympathieträgerin eines Romans, und der eine oder andere Leser dürfte das der Autorin verübeln. Andere finden vielleicht genau diesen Punkt gut: von ungewöhnlichen Charakteren lesen, die anders sind und handeln als erwartet. Und ist Eddas Entscheidung nicht auch einfach vorausschauend? Oskar ist der Sohn ihres Verlobten Beat, der noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes stirbt. Was wäre aus Mutter und Sohn geworden, wenn Edda nicht so hartnäckig ihre beruflichen Ziele verfolgt hätte? Und die wird sie erreichen. Dass es anders kommen könnte, daran möchte Agnes Morgenthaler ihre Leser nicht einmal denken lassen. Und so stellt sie ihrem 314-seitigen Roman "Die Patronin" einen Prolog voran, der im Jahr 1924 angesiedelt ist - dem Eröffnungsjahr von Eddas Gasthof "Juwel" in der Rämistraße. Überhaupt möchte Morgenthaler nicht, dass ihre Leser in Richtungen spekulieren, die ihrem schriftstellerischen Vorhaben widersprechen könnten. Nimmt der Prolog die Spannung vorweg, ob Edda ihre Träume verwirklichen kann oder auch nicht, finden sich im Text immer wieder Erklärungen und Interpretationen, die von der Angst der Autorin zeugen, missverstanden zu werden. Das wiederum lässt der Phantasie des Lesers zu wenig Raum, die jedoch nötig ist, um sich auf das Werk richtig einlassen zu können.

Aber - zurück ins Jahr 1924 und zur Eröffnung eines Gasthofes in der Züricher Rämistraße. Bei diesen Daten dürfte jeder Zürichkenner stutzen. Wurde an diesem Ort und in diesem Jahr doch nicht das Juwel, sondern die Kronenhalle eröffnet. Und die Wirtin hieß nicht Edda, sondern Hulda Zumsteg. Und tatsächlich hat Agnes Morgenthaler ihre Geschichte eng an die Geschichte der Kronenhalle und an die der Wirtin Hulda Zumsteg angelehnt. Zu eng? Aus Huldas Mann Gottlieb wurde der trunksüchtige und brutale Otto, aus ihrem Sohn Gustav wurde der Designer Oskar, der mit seiner Gemäldesammlung die Wände des Juwels verschönert, womit auch ein wichtiges Charakteristikum der Kronenhalle angesprochen wird: die Kunst. Der Miró, der Chagall, der Bonnard, der Giacometti, ... Daneben all die Künstler, die regelmäßig in der Kronenhalle/im Juwel speisten und (sehr gerne) tranken; etwa James Joyce, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Thomas Mann, ... die Liste ist lang.

Die Parallelen zwischen Kronenhalle und Juwel sind klar erkennbar und auch gewollt, und die Beschreibung des Juwels schmeichelt der Kronenhalle, keine Frage. Aber wie verhält es sich damit, dass Agnes Morgenthaler Edda alias Hulda beispielsweise eine Affäre mit dem Maler Reto zuschreibt, der das Porträt der Patronin gemalt hat? Das Porträt gibt es in der Tat. Es hängt bis heute in der Kronenhalle. Reto und seine Affäre mit der Patronin sind allerdings eine Erfindung der Autorin - wie so manches andere auch. Und hier stellt sich die Frage: Geht das? Darf das? Darf ich mich als Autor an Personen bedienen, die wirklich gelebt haben (und das vor nicht allzu langer Zeit) und ihr Privatleben mit meiner Phantasie verändern? Gut, "Die Patronin" ist keine Biografie, sondern trägt den Stempel "Roman". Einen schalen Beigeschmack hinterlässt dieser freizügige Umgang mit Fakten, mit der Biografie nicht-fiktiver Personen dennoch. Zumindest bei der Rezensentin, die sich aber gleichzeitig in diesen Zeiten, die das Reisen unmöglich machen, darüber gefreut hat, dass der Roman sie zumindest gedanklich nach Zürich geschickt hat.





7. August 2020

Charlie Mackesy "Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd" (List)


Egal, ob man acht oder achtzig Jahre alt ist. Egal, ob einem gerade viele Gedanken durch den Kopf gehen und man zur Ruhe kommen will, ob es einem gut oder schlecht geht -  es gibt immer, wirklich immer einen guten Grund, das Buch mit dem schlichten Titel "Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd" von Charlie Mackesy in die Hand zu nehmen, es von vorne bis hinten durchzulesen oder einfach darin zu blättern. Auch das funktioniert. Dass auf Seitenzahlen verzichtet wurde, hat durchaus seinen Grund und seine Berechtigung. Und wenn einem nicht nach lesen zumute ist, macht es Spaß, einfach nur die Bilder zu betrachten. Denn "die sind wie Inseln, Orte, auf die man sich in einem Meer von Wörtern rettet", wie es an einer Stelle im Buch heißt. Es sind Orte der Phantasie, denn Mackesys teils farbige, teils schwarz-weiße Illustrationen sind nicht bis ins Detail gezeichnet und lassen dem Betrachter Platz für eigene Vorstellungen - aber auch für die Gedankenspiele des Künstlers selbst. Etwa bei den Schwänen, die gelassen und perfekt aussehen, derweil - unsichtbar für den Betrachter - unter der Oberfläche wild gepaddelt wird.  

Doch was erzählt das 128-seitige Werk des englischen Illustrators? Oder ist das die falsche Frage, um sich dem Werk zu nähern? Wahrscheinlich. Denn der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd erleben keine in sich abgeschlossene Geschichte, die sich langsam entwickelt, mit Spannungsbögen und anderen klassischen Erzählstrukturen arbeitet. Nein, als Betrachter oder Leser dieses wunderbaren Buches erhalten wir Einblicke in das Leben der vier Charaktere, deren Wege sich kreuzen. Wir erfahren, dass der Junge viel fragt, dass der Maulwurf Kuchen mag, dass der Fuchs still und auf der Hut ist, weil ihm das Leben wehgetan hat, und dass das Pferd groß und sanft ist. Aber vor allem erhalten wir Einblick in den großen Erfahrungsschatz dieser vier Charaktere. Nun kann man sich fragen, welchen Erfahrungsschatz ein Junge und seine drei tierischen Freunde denn schon haben können. Und tatsächlich handelt es sich hier nicht um philosophisch hochkomplexe Gedankenmuster, sondern um einfache, ja, banale Dinge, die aber doch elementar sind und vielleicht gerade wegen ihrer einleuchtenden Einfachheit im Alltag, im Prozess des Erwachsenwerdens oftmals auf der Strecke bleiben, leider.

Es geht um Einsamkeit - und wie sie endet. Es geht darum, genau hinzuschauen, Schwächen in Stärken umzuwandeln und zu wissen, dass es im Leben nicht um Materielles geht. Träume sollten immer wichtiger sein als Ängste. Und was Angst macht, kann trotzdem schön sein und Schutz benötigen. Das permanente Streben nach Erfolg, das Abarbeiten von Aufgaben sollte immer wieder unterbrochen werden, um nicht nur das zu sehen, was noch vor einem liegt, sondern auch das, was man bereits geschafft hat. Nichts ist selbstverständlich, und nur der, der die kleinen Dinge schätzt, die uns unmittelbar umgeben, ist gewappnet und bereit für die größeren Dinge. Das mag vielleicht alles naiv anmuten, ein bisschen jedenfalls, aber es schadet auch niemandem, wieder mehr auf das Gute zu vertrauen, anstatt sich immer nur auf das Schlechte zu verlassen. Charlie Mackesy zeigt, wie das gehen könnte.


7. Juli 2020

Friederike Krassnig, mit Mira Jana Krassnig "Im Sog der fliegenden Fische"

Zugegeben - viele Gedichte lese ich nicht. ich schreibe auch keine. Jedenfalls so gut wie keine. Einmal musste ich während meines Studiums des kreativen Schreibens einen kleinen Ausflug in die Welt der Lyrik unternehmen ... und erinnere mich noch gut an das leicht süffisante Lächeln, mit dem mein Dozent mir das Werk zurückgab. Ein anderes Mal fragte ein befreundeter Musiker, ob ich Texte für ihn schreiben könne. Ja, antwortete ich, aber nur französische Texte. Auf Französisch klingt eben alles gut. Poetisch halt.

Aber in diesem Jahr konnte ich bereits zweimal feststellen, dass es sie wirklich gibt: Lyrik, die einen packt. Lyrik, vor der man ehrfurchtsvoll niederknieen möchte. Weil sie in 20 Zeilen das zum Ausdruck bringt, wofür ich durchschnittlich 300 Seiten brauche. Weil sie nicht von untergehenden oder aufgehenden Sonnen und fröhlich plätschernden Bächlein spricht, sondern neue und originelle Bilder findet, die doch einerseits so einfach sind und andrerseits die Geheimnisse unseres Universums entschlüsseln - des ganz großen Universums und des kleinen, ganz persönlichen Universums. Und das alles in einer Sprache, in einem Rhythmus, der einen von der ersten Zeile an mitzieht, hineinzieht in einen Strudel, aus dem man gar nicht mehr auftauchen möchte; von dem man sich wünscht, er möge länger sein als 20 Zeilen. Wie die Gedichte von Gabrielle Alioth in ihrem Band "The poet's coat" (der an dieser Stelle nur erwähnt wird) oder die von Friederike und Mira Jana Krassnig in dem Buch "Im Sog der fliegenden Fische", das mir jüngst von den Kollegen des Europa Literaturkreises Kapfenberg zugeschickt wurde.

Die Sprache von Friederike Krassnig, die gebürtig aus der Steiermark stammt, verwandelt Worte in Musik, etwa wenn sie von Träumen schreibt, "die zum Himmel jagen und des Nachts an Sternen nagen" oder vom "Klingen der Ringe im Baum", von "Ästen, die knarren" oder dem "wurzeltiefen Ineinandertraum" von Pilz und Baum. Große Menschheitsthemen wie Sehnsucht, Trauer, Liebe oder die Endlichkeit des Lebens gehen immer wieder eine Symbiose mit der Natur ein, in der sie sich ausdrücken. Doch nicht alles ist metaphorisch zu sehen; etwa die Zeilen über den beginnenden Frühling oder der Abschied von Luna, der alt gewordenen Katze.

Auf den ersten Blick willkürlich wirkende Zeilenanfänge zerreißen die Sätze, wirbeln gewohnte Lesemuster durcheinander und setzen dadurch neue Schwerpunkte, lenken den Blick auf neue Sichtachsen, so dass Alltägliches an Gewöhnlichkeit verliert, an Tiefsinn und damit die Aufmerksamkeit des Lesers gewinnt.

"Im Sog der fliegenden Fische" wurde ohne Verlag publiziert, ist aber unter der ISBN-Nummer 978-3-9500299-8-7 zu bestellen. Gefördert wurde die Herausgabe des Buches vom österreichischem Bundeskanzleramt und der Stadt Kapfenberg.


10. April 2020


Kirschblütenfest


31. März 2020


Und allem zum Trotz (oder: jetzt erst recht) zeigt sich die Natur in ihren schönsten Farben.


23. Februar 2020

J.P. Monninger "Seven Letters" (Ullstein)

"Seven Letters" heißt der neue Roman von J.P. Monninger im Original,  "Unsere Liebe für immer" in der deutschen Übersetzung, die jetzt im Ullstein-Verlag erschienen ist. Abgesehen davon, dass der deutsche Titel leicht kitschig anmutet (ebenso wie das Coverbild, das ein eng umschlungenes Pärchen im purpurnen Glitzerregen zeigt), fragt man sich, ob die 384seitige Erzählung tatsächlich eine Liebesgeschichte ist, jedenfalls im klassischen Sinn. Liebt die Ich-Erzählerin Kate, die für ihr Dissertationsprojekt vom amerikanischen New Hampshire ins irische Dingle reist, tatsächlich Ozzie, einen Nachfahren der Bewohner von Great Blasket, oder gehört ihre Liebe der Wissenschaft, dem "Aufsaugen von Texten", das "ein großer Genuss" war, "der Lohn des Wissenschaftlers, die Freude, die man nur durch das Leben in Büchern erfährt".

Aber zurück zum Originaltitel "Seven Letters", den sieben Briefen, die dem Roman als Gerüst dienen. Nach dem ersten Brief an den Promotionsausschuss, der Kates Grund für die Reise nach Irland erklärt, folgt der zweite Brief, in dem der irische Fischer Ozzie Kate seine Gefühle offenlegt. Es ist ein sehr poetischer Brief mit vielen Bildern und einem Zitat von Joyce. Und es ist ein Brief, der in Kate nachklingt - nicht zuletzt auch deshalb, weil Ozzie ein äußerst attraktiver Mann ist, dem die Frauen hinterherschauen, und Kate eine starke körperliche Anziehung zu Ozzie verspürt. Und die steht auf den folgenden Seiten deutlich im Vordergrund, ist letztlich der Grund für die schnell entstehende Zweisamkeit , der Kate jedoch nie ihre wissenschaftliche Arbeit unterordnet, auch wenn sie Ozzie im dritten Brief beteuert, ihm zu gehören. Zu diesem Zeitpunkt sind Kate und Ozzie bereits verheiratet und umrunden auf seinem Fischerboot Irland. Kurz vor Dublin gerät die Ferriter in einen Sturm, "die Anzeichen für das aufkommende Unwetter (waren) unverkennbar" - auch für Kate. Und doch gibt sie nach überstandenem Sturm Ozzie die Schuld daran, in die gefährliche Situation geraten zu sein. Mit dem Gedanken "Dieses verdammte Arschloch hat uns fast umgebracht" verlässt sie in Dublin nicht nur die Ferriter, sondern auch das gemeinsame Leben mit Ozzie.

Und genau an diesem Punkt steht der Autor vor einer großen Herausforderung. Schafft er es, dass der Leser die Ich-Erzählerin nicht so unsympathisch findet, dass er das Buch in die nächste Ecke pfeffert? Ja, Monninger schafft es, auch wenn der Leser innerlich schimpfen mag, dass Kate ihre Liebe wegen einer einzigen Sache, die nicht so glatt lief wie erhofft, komplett in die Tonne haut. Aber ... man bleibt dran, liest den vierten Brief vom Dartmouth College, wo Kate fortan lehrt, verfolgt kopfschüttelnd, wie sich eine Affäre mit einem Wirtschaftswissenschaftler anbahnt ... und fragt sich, wie dem Autor hier noch die Wende zu einem Liebesroman gelingen soll, der diese Bezeichnung auch verdient.

Um das zu erreichen, bedarf es schon eines Griffs in die Kiste mit den großen menschlichen Tragödien. Wie dem Tod. Und so erhält Kate die Nachricht, dass Ozzie auf See ertrunken ist. Sein Leichnam wurde jedoch nicht gefunden. Im fünften Brief erfährt sie, dass Ozzie sie zur alleinigen Vollstreckerin seines Nachlasses eingesetzt hat. Kate kehrt nach Irland zurück, fährt nach Italien, wo Ozzies Spur endet. Kate gelangt zu der Einsicht, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie ihren Mann verließ und zwei Jahre ohne ihn lebte. Man nimmt Kate ihre Reue ab, vergisst den Unmut, den man noch wenige Seiten zuvor empfnden hat. Ja, letztlich macht man als Leser eine ähnliche Entwicklung wie Kate durch, verzeiht ihr den einen Fehler, wie auch sie Ozzie seinen Fehler verzeiht - und ihr eigenes selbstgerechtes Handeln erkennt.

"Ich stieg den höchsten Berg hinauf, hielt Ausschau nach dem Seemann dort. Kommst du noch heute Nacht, oder wird es morgen?" Aus diesen zwei Sätzen, die darauf anspielen, wie einst die Frauen von Great Blasket auf ihre Männer gewartet haben, die zum Fischen auf dem Meer waren, besteht der sechste Brief, der bereits ein Fünkchen Hoffnung in sich trägt. Die Hoffnung, dass Ozzie zurückkehrt. Eine Hoffnung, die sich mit dem siebten und letzten Brief erfüllt. Die näheren Umstände lassen wir hier unerwähnt, was Lust machen soll auf die Lektüre von "Seven Letters". Und die sei hier ausdrücklich empfohlen.  


9. Februar 2020

Hansjörg Schertenleib "Die Hummerzange" (Kampa)

Nun ist er also auch unter die Krimischreiber gegangen. Mit "Die Hummerzange" legt Hansjörg Schertenleib seinen ersten Krimi vor. Das US-amerikanische Maine dient hier als Kulisse, in der Schertenleib sich bestens auskennt. Ist der gebürtige Schweizer unlängst vom irischen Donegal nach Spruce Head Island in Maine gezogen. "Es wäre dumm, die großartige, dramatische Landschaftsbühne unter diesen weiten Himmeln nicht literarisch zu bespielen", so Schertenleib. Ob das mit seinem Kriminalroman gelingt? Nun, wir werden sehen.

Die Protagonistion seines 266 Seiten starken Romans ist ebenfalls gebürtige Schweizerin: die 57jährige pensonierte Kriminalpolizistin Corinna Holder. Eigentlich wollte sie mit ihrem Mann das Leben in Maine genießen. Doch Michael stirbt bei einem Verkehrsunfall. Halt gibt Corinna seitdem das Benzodiazepin Xanax, das sie im Bücherregal hinter Camus' "Die Pest" und "Der Fremde" aufbewahrt. Nachschub bekommt sie von ihrem Dealer Ray, was kompliziert wird, als Ray untertauchen muss, weil er unter Mordverdacht gerät.

Ausgerechnet Corinna findet die Leiche von Norman Dunbar, dem jemand durch die Augenhöhle eine Hummerzange in den Kopf gerammt hat. Als Täter kommen allerdings einige Personen infrage. Beliebt war der vermögende Dunbar nicht. Sei es wegen seiner Frauengeschichten oder wegen seiner Geschäfte, in deren Rahmen er Unternehmen aufkaufte und sanierte, was am Ende mit dem Vernichten zahlreicher Arbeitsplätze einherging.

Corinna kann nicht anders. Sie beginnt zu ermitteln. Auf eigene Faust. Dabei lässt sie sich von ihrem Instinkt leiten, der sie Schritt für Schritt, aber punktgenau zum Täter führt - wobei man sich immer wieder fragt, warum denn die Polizei von Maine nicht über einen ähnlichen Instinkt verfügt und am Ende noch immer völlig im Dunkeln tappt, während Corinna problemlos ihre ganz eigenen Vorstellungen darüber umsetzt, was mit dem Täter geschehen soll.

Schertenleib konstruiert ein farbenreiches, großes Personenkarussell, das allerdings nicht so richtig an Fahrt gewinnen will. Sind die Zufälle, an denen Corinna sich entlanghangelt, manchmal einfach zu groß und dadurch zu unglaubwürdig? Steht ihr Privatleben zu sehr im Vordergrund? Oder ist dessen Schilderung nicht ausgewogen genug? Viel wird über einen längst abgeschlossenen Fall berichtet, der Corinna in die Alkoholabhängigkeit trieb, was wiederum Michael wutentbrannt ins Auto hat steigen lassen, was in besagtem Unfall endete. Kokain soll Michael aber auch genommen haben, auch eine Affäre steht im Raum. Wozu das erwähnt wird? Das ist ebensowenig ersichtlich wie die ausufernden Beschreibungen der Umgebung, die sehr datailliert, dabei oft hilflos und zusammenhanglos im Raum stehen. Unbeantwortet bleibt dagegen die simple Frage, wie eine 57jährige verwitwete Ex-Polizistin ihr Leben und ihre Sucht auf Spruce Head Island finanzieren kann.

Schertenleib weiß mit Sprache umzugehen. Keine Frage. Aber die Kunst des Kürzens und Verdichtens führt er hier nicht immer konsequent durch, so dass sich der Leser nach früheren Büchern wie "Das Regenorchester" sehnt, die einfach in sich stimmig waren.    



24. Januar 2020


Vom Winterbild, das ein Sommerbild sein wollte.


7. Januar 2020

Francoise Sagan "Die dunklen Winkel des Herzens" (Ullstein)

Nein, sympathisch sind einem die Personen nicht, die Francoise Sagan uns in ihrem letzten, unvollendet gebliebenen Roman "Die dunklen Winkel des Herzens" auf den ersten Seiten vorstellt. Nicht einmal das Anwesen in der Touraine, auf dem sich alle tummeln, erscheint besonders verheißungsvoll. Einst ein Landhaus, ist La Cressonnade durch teure, aber geschmacklose Anbauten längst zu einem Beispiel schlechten Geschmacks, "einer architektonischen Kakofonie", verkommen.

Aber zurück zu den Bewohnern. Da sind einmal der Industrielle Henri Cresson, seine zweite Frau Sandra und deren Bruder Philippe, "der sich nach einer langen Karriere als Verführer und Schmarotzer immer häufiger bei seinem Schwager Henri einfand". Nicht weniger berechnend erscheint Henris Schwiegertochter Marie-Laure, die alles andere als beglückt ist, als ihr Mann Ludovic nach einem von ihr verursachten Autounfall und einer anschließenden zweijährigen Odyssee durch zahlreiche Kliniken nach la Cressonnade zurückkehrt. Dass der arme Ludovic überhaupt wieder da ist und nicht bis an sein Lebensende, ruhiggestellt durch Psychopharmaka, in teuren Sanatorien eingesperrt ist, ist Marie-Laures Mutter Fanny zu verdanken. Und auch nach Ludovics Heimkehr ist sie die Einzige, die den Schwiegersohn nicht für einen Schwachkopf hält und alles dafür tut, um auch alle anderen davon zu überzeugen. Um Ludovic in der Gesellschaft zu rehabilitieren, organisiert sie eine Party zu Ehren des Schwiegersohns, für den sie mehr und mehr Zuneigung, letztlich Liebe empfindet, die Ludovic erwidert. Und plötzlich gewinnt Ludovic, betrachtet durch Fannys Augen, auch für den Leser an Kontur, wird zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für Henri, der ebenfalls um Fannys Gunst buhlt.

Wer Fanny am Ende für sich gewinnt, ob es überhaupt einer vermag, ... das erfährt der Leser nicht. Ebensosowenig wie Sandra und Marie-Laure reagieren. Oder welche Rolle Philippe in diesem Ränkespiel noch einnehmen wird. Mit dem Eintreffen der Gäste zum Fest endet das Buch. Francoise Sagan stirbt, bevor sie es beenden kann. 15 Jahre nach ihrem Tod hat nun ihr Sohn das Fragment herausgegeben. In der deutschen Übersetzung ist es im Ullstein Verlag erschienen. Die 184 Seiten lassen den Leser zwar unvermittelt allein, geben ihm aber doch so viel mit, dass er die Geschichte für sich weiterspinnen kann. Denn er packt einen, dieser Reigen mit Menschen, die man in seinem eigenen Leben auf gar keinen Fall haben möchte. Sagan verstand es, mit viel Witz und Eleganz über sie zu schreiben, sie zu enttarnen, uns in ihre Abgründe blicken zu lassen, in denen sie hier und da ein Licht aufflammen ließ.   



23. Novenber 2019

Herbst