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9. Februar 2020

Hansjörg Schertenleib "Die Hummerzange" (Kampa)

Nun ist er also auch unter die Krimischreiber gegangen. Mit "Die Hummerzange" legt Hansjörg Schertenleib seinen ersten Krimi vor. Das US-amerikanische Maine dient hier als Kulisse, in der Schertenleib sich bestens auskennt. Ist der gebürtige Schweizer unlängst vom irischen Donegal nach Spruce Head Island in Maine gezogen. "Es wäre dumm, die großartige, dramatische Landschaftsbühne unter diesen weiten Himmeln nicht literarisch zu bespielen", so Schertenleib. Ob das mit seinem Kriminalroman gelingt? Nun, wir werden sehen.

Die Protagonistion seines 266 Seiten starken Romans ist ebenfalls gebürtige Schweizerin: die 57jährige pensonierte Kriminalpolizistin Corinna Holder. Eigentlich wollte sie mit ihrem Mann das Leben in Maine genießen. Doch Michael stirbt bei einem Verkehrsunfall. Halt gibt Corinna seitdem das Benzodiazepin Xanax, das sie im Bücherregal hinter Camus' "Die Pest" und "Der Fremde" aufbewahrt. Nachschub bekommt sie von ihrem Dealer Ray, was kompliziert wird, als Ray untertauchen muss, weil er unter Mordverdacht gerät.

Ausgerechnet Corinna findet die Leiche von Norman Dunbar, dem jemand durch die Augenhöhle eine Hummerzange in den Kopf gerammt hat. Als Täter kommen allerdings einige Personen infrage. Beliebt war der vermögende Dunbar nicht. Sei es wegen seiner Frauengeschichten oder wegen seiner Geschäfte, in deren Rahmen er Unternehmen aufkaufte und sanierte, was am Ende mit dem Vernichten zahlreicher Arbeitsplätze einherging.

Corinna kann nicht anders. Sie beginnt zu ermitteln. Auf eigene Faust. Dabei lässt sie sich von ihrem Instinkt leiten, der sie Schritt für Schritt, aber punktgenau zum Täter führt - wobei man sich immer wieder fragt, warum denn die Polizei von Maine nicht über einen ähnlichen Instinkt verfügt und am Ende noch immer völlig im Dunkeln tappt, während Corinna problemlos ihre ganz eigenen Vorstellungen darüber umsetzt, was mit dem Täter geschehen soll.

Schertenleib konstruiert ein farbenreiches, großes Personenkarussell, das allerdings nicht so richtig an Fahrt gewinnen will. Sind die Zufälle, an denen Corinna sich entlanghangelt, manchmal einfach zu groß und dadurch zu unglaubwürdig? Steht ihr Privatleben zu sehr im Vordergrund? Oder ist dessen Schilderung nicht ausgewogen genug? Viel wird über einen längst abgeschlossenen Fall berichtet, der Corinna in die Alkoholabhängigkeit trieb, was wiederum Michael wutentbrannt ins Auto hat steigen lassen, was in besagtem Unfall endete. Kokain soll Michael aber auch genommen haben, auch eine Affäre steht im Raum. Wozu das erwähnt wird? Das ist ebensowenig ersichtlich wie die ausufernden Beschreibungen der Umgebung, die sehr datailliert, dabei oft hilflos und zusammenhanglos im Raum stehen. Unbeantwortet bleibt dagegen die simple Frage, wie eine 57jährige verwitwete Ex-Polizistin ihr Leben und ihre Sucht auf Spruce Head Island finanzieren kann.

Schertenleib weiß mit Sprache umzugehen. Keine Frage. Aber die Kunst des Kürzens und Verdichtens führt er hier nicht immer konsequent durch, so dass sich der Leser nach früheren Büchern wie "Das Regenorchester" sehnt, die einfach in sich stimmig waren.    



24. Januar 2020


Vom Winterbild, das ein Sommerbild sein wollte.


7. Januar 2020

Francoise Sagan "Die dunklen Winkel des Herzens" (Ullstein)

Nein, sympathisch sind einem die Personen nicht, die Francoise Sagan uns in ihrem letzten, unvollendet gebliebenen Roman "Die dunklen Winkel des Herzens" auf den ersten Seiten vorstellt. Nicht einmal das Anwesen in der Touraine, auf dem sich alle tummeln, erscheint besonders verheißungsvoll. Einst ein Landhaus, ist La Cressonnade durch teure, aber geschmacklose Anbauten längst zu einem Beispiel schlechten Geschmacks, "einer architektonischen Kakofonie", verkommen.

Aber zurück zu den Bewohnern. Da sind einmal der Industrielle Henri Cresson, seine zweite Frau Sandra und deren Bruder Philippe, "der sich nach einer langen Karriere als Verführer und Schmarotzer immer häufiger bei seinem Schwager Henri einfand". Nicht weniger berechnend erscheint Henris Schwiegertochter Marie-Laure, die alles andere als beglückt ist, als ihr Mann Ludovic nach einem von ihr verursachten Autounfall und einer anschließenden zweijährigen Odyssee durch zahlreiche Kliniken nach la Cressonnade zurückkehrt. Dass der arme Ludovic überhaupt wieder da ist und nicht bis an sein Lebensende, ruhiggestellt durch Psychopharmaka, in teuren Sanatorien eingesperrt ist, ist Marie-Laures Mutter Fanny zu verdanken. Und auch nach Ludovics Heimkehr ist sie die Einzige, die den Schwiegersohn nicht für einen Schwachkopf hält und alles dafür tut, um auch alle anderen davon zu überzeugen. Um Ludovic in der Gesellschaft zu rehabilitieren, organisiert sie eine Party zu Ehren des Schwiegersohns, für den sie mehr und mehr Zuneigung, letztlich Liebe empfindet, die Ludovic erwidert. Und plötzlich gewinnt Ludovic, betrachtet durch Fannys Augen, auch für den Leser an Kontur, wird zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für Henri, der ebenfalls um Fannys Gunst buhlt.

Wer Fanny am Ende für sich gewinnt, ob es überhaupt einer vermag, ... das erfährt der Leser nicht. Ebensosowenig wie Sandra und Marie-Laure reagieren. Oder welche Rolle Philippe in diesem Ränkespiel noch einnehmen wird. Mit dem Eintreffen der Gäste zum Fest endet das Buch. Francoise Sagan stirbt, bevor sie es beenden kann. 15 Jahre nach ihrem Tod hat nun ihr Sohn das Fragment herausgegeben. In der deutschen Übersetzung ist es im Ullstein Verlag erschienen. Die 184 Seiten lassen den Leser zwar unvermittelt allein, geben ihm aber doch so viel mit, dass er die Geschichte für sich weiterspinnen kann. Denn er packt einen, dieser Reigen mit Menschen, die man in seinem eigenen Leben auf gar keinen Fall haben möchte. Sagan verstand es, mit viel Witz und Eleganz über sie zu schreiben, sie zu enttarnen, uns in ihre Abgründe blicken zu lassen, in denen sie hier und da ein Licht aufflammen ließ.   



23. Novenber 2019

Herbst